Digitalisierung & Technologie, 13. August 2025

Die Bedeutung von Innovationssouveränität

Eine Kolumne von ERGO CDO Mark Klein

ERGO CDO M

Innovationen sind für Unternehmen entscheidend, um sich an verändernde Marktbedingungen anzupassen und wettbewerbsfähig zu bleiben. Sie ermöglichen die Entwicklung neuer Produkte und Dienstleistungen, die bessere Erfüllung von Kundenbedürfnissen und die Effizienzsteigerungen. Ohne Innovationen würden viele wirtschaftliche und gesellschaftliche Bereiche, einschließlich der Versicherungsbranche, stagnieren. Das Silicon Valley gilt als Urquelle technologischer Innovationen – doch Innovationen sind zu wichtig, um sie anderen zu überlassen, schreibt ERGO CDO Mark Klein.

Es hätte alles ganz anders kommen können. Wären Mitte des vergangenen Jahrhunderts persönliche, politische oder ökonomische Entscheidungen in den USA andere gewesen, wäre auch die technologische Entwicklung, wie wir sie heute kennen, anders verlaufen. Viele der global führenden Technologieunternehmen und -produkte gäbe es jetzt vermutlich nicht. Die technologische Landschaft wäre weniger dynamisch. Wegweisende Entwicklungen in Bereichen wie Computertechnologie, Software oder dem Internet wären – wenn überhaupt – langsamer erfolgt. Denn es waren Entscheidungen von Menschen wie Frederick Terman, Arthur Rock und vielen weiteren, die die Basis für das weltweit führende Innovationszentrum gelegt haben: das Silicon Valley.

So geht etwa auf Frederick Terman, ehemaliger Vizepräsident der Leland Stanford Junior University, die Gründung des „Stanford Industrial Park“ Anfang der 50er Jahre zurück. In dem Technologiepark wurde durch das aktive Anwerben von Firmen auf dem Universitätsgelände eine enge Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Hochschule ermöglicht. Terman ermutigte seine Studierenden zudem, selbst zu gründen und half ihnen durch sein Netzwerk, erste Aufträge zu erhalten.

Arthur Rock wiederum gilt als einer der ersten Venture Capitalists (VCs) im „Valley“. Bereits Ende der 50er Jahre spielte er eine wichtige Rolle bei der Gründung des Halbleiterherstellers Fairchild Semiconductor sowie später bei den Tech-Unternehmen Teledyne, Intel oder Apple. Neben hochdotierten Verträgen mit öffentlichen Stellen und dem Militär waren es vor allem VCs, die mit ihrem Wissen, ihren Ressourcen, Beziehungen und Geldern dabei halfen, kleine Tech-Firmen im „Valley“ groß zu machen.

Laut dem Linkedin-Mitgründer Reid Hoffman ist das Silicon Valley dabei kein Ort, sondern ein Mindset. Es gilt als das digitale Eldorado, eine gigantische Ideenschmiede, in der technologische Quantensprünge geschehen. Auch New York, Tel Aviv, Shenzhen, Singapur oder Bangalore gehören zweifelsohne zu den wichtigen technologischen Impulsgebern unserer Zeit. Hier sind einige der aufregendsten Start-ups und Venture-Capital-Ökosysteme beheimatet. Doch die Quelle ist in der San Francisco Bay Area, im „Tal des Siliziums“.

Im „Valley“ ist es über viele Jahrzehnte gelungen, ein einzigartiges Ökosystem aus Start-ups, Investoren und Technologieunternehmen zu schaffen. Die Innovationen, die hier entstanden sind und weiterhin entstehen, prägen unser aller Leben. Sie sind auch für die Versicherungsbranche von höchster Bedeutung.

Mark Klein, CDO ERGO Group

Was das Silicon Valley von Beginn an so besonders macht, ist das Zusammentreffen verschiedener Faktoren, die sich gegenseitig begünstigen. Wo einst Apfelbäume und Pfirsichplantagen standen, treffen seit den 50er Jahren (Risiko)Kapitalgeber auf diejenigen, die an den Firmen der Zukunft arbeiten. Die Stanford University sorgt kontinuierlich für neue Tech-Talente und -Gründer. Eine gut entwickelte technologische Infrastruktur unterstützt zudem die Entwicklung und das Wachstum von Unternehmen.

Im „Valley“ ist es über viele Jahrzehnte gelungen, ein einzigartiges Ökosystem aus Start-ups, Investoren und Technologieunternehmen zu schaffen. Die Innovationen, die hier entstanden sind und weiterhin entstehen, prägen unser aller Leben. Sie sind auch für die Versicherungsbranche von höchster Bedeutung: Computerchips, künstliche Intelligenz (KI), Automatisierungstechnologien, Cloud Computing, mobile Anwendungen und vieles mehr. Diese Innovationen und darauf basierende Lösungen sind auch für Versicherer essenziell, um sich an schnell verändernde Marktbedingungen anpassen, Kundenbedürfnisse besser erfüllen, neue Märkte erschließen oder wettbewerbsfähig bleiben zu können. Das Fehlen oder Stagnieren dieses Fortschritts könnte vehemente Effekte auf die langfristige Stabilität und Profitabilität von Versicherungsunternehmen und der anderen Wirtschaftszweige haben.

Auch wenn es in den vergangenen Monaten einige ernüchternde News über das „Valley“ gab – eingestellte Projekte, Mitarbeiterentlassungen, gesunkene Investitionen durch VCs – pulsiert es. Davon konnte ich mich im April dieses Jahres mit ERGO Kolleginnen und -Kollegen aus dem Bereich KI selbst überzeugen. Bei zahlreichen Gesprächen mit großen und kleineren Playern rund um KI und generative KI (GenAI) wurde schnell klar: Es herrscht absolute Euphorie im „Valley“, denn KI und GenAI versprechen innerhalb kürzester Zeit, Mehrwerte und Effizienzgewinne zu ermöglichen. Das Tempo, in dem hierfür neue Lösungen entstehen, hat sich vollkommen verändert.

Europa hat die digitale Revolution und die damit verbundenen Produktivitätssteigerungen weitgehend verpasst. Gerade einmal vier der 50 weltweit führenden Technologieunternehmen sind nach Mario Draghis Bericht über die Wettbewerbsfähigkeit der EU europäisch.

Mark Klein, CDO ERGO Group

Doch zur Wahrheit gehört auch, dass es nicht immer so war. Denn bei meinem Besuch im Jahr 2022 glich das Silicon Valley einer Geisterstadt. Kurz zuvor hatte Corona gewütet. Straßen und Büroflächen waren leergefegt, Mitarbeitende waren entlassen worden und weggezogen, der Geist des Silicon Valley war bis zum Aufkommen von GenAI nahezu erloschen.

Dies hat zum einen gezeigt, dass es entgegen Reid Hoffmanns These doch einen festen Ort zum aktiven Austausch und physischen Zusammenkommen braucht. Nur durch einen Platz, an dem durch das Netzwerken von Unternehmen, Investoren und Forschungseinrichtungen ein lebendiges Ökosystem existieren kann, entstehen auch echte Innovationen.

Zum anderen wurde klar, wo wir als Europa noch besser werden müssen: Wir stehen generell vor der Herausforderung, Innovationen zu beschleunigen und neue Wachstumsmotoren zu finden. Denn Europa hat die digitale Revolution und die damit verbundenen Produktivitätssteigerungen weitgehend verpasst. Gerade einmal vier der 50 weltweit führenden Technologieunternehmen sind nach Mario Draghis Bericht über die Wettbewerbsfähigkeit der EU europäisch. Dabei ist das Problem nicht, dass es uns in Europa an Talent, Ideen oder Ehrgeiz mangelt. Ganz im Gegenteil.

In Deutschland und Europa fehlen Investitionen, die nötige Infrastruktur oder einheitliche Regulierungs- und Genehmigungsverfahren. Innovative Unternehmen, die expandieren wollen, kooperieren deshalb oft mit Kapitalgebern aus Nicht-EU-Ländern oder gehen gleich an Orte, an denen sie all das finden.

Mark Klein, CDO ERGO Group

In Deutschland beispielsweise haben wir eine qualitativ hochwertige akademische Forschung im Bereich KI. Wir haben große Stärken in Bereichen wie Robotics, Quantentechnologien oder autonomes Fahren. Zudem haben wir mit Unternehmen wie DeepL, Celonis, Aleph Alpha oder SAP bereits bewiesen, dass wir „Technologie können“. Doch zu oft schaffen es technologische Innovationen in Deutschland und Europa nicht in die erfolgreiche Vermarktung. Es fehlen Investitionen, die nötige Infrastruktur oder einheitliche Regulierungs- und Genehmigungsverfahren. Innovative Unternehmen, die expandieren wollen, kooperieren deshalb oft mit Kapitalgebern aus Nicht-EU-Ländern oder gehen gleich an Orte, an denen sie all das finden – etwa ins „Valley“.

Dabei könnten wir als EU weit vorne liegen. Wir könnten durch gemeinsame Anstrengungen der Länder Innovationslücken zu den USA oder China schließen, gerade auch im Bereich der Spitzentechnologien. Und das sollten wir auch. Denn Innovationen sind zu wichtig, um sie anderen zu überlassen. Was, wenn sich das Silicon Valley einmal nicht mehr erholt und die „Quelle“ damit versiegt? Was, wenn geopolitische Spannungen den Zugang zu Innovationen erschweren oder verhindern? Oder wenn sie ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr mit unseren europäischen Werten, Normen und regulatorischen Vorgaben vereinbar sind? Multiple Krisen und Schocks der vergangenen Monate und Jahre haben uns immer wieder unsere (wirtschaftliche) Verwundbarkeit und Abhängigkeit aufgezeigt.

Als ERGO versuchen wir unseren Beitrag zu einem fruchtbaren Ökosystem zu leisten, indem wir selbst in vielversprechende deutsche und europäische Start-ups investieren.

Mark Klein, CDO ERGO Group

Was es braucht, ist eine digitale Souveränität und eigene Innovationszentren, um langfristig handlungsfähig zu bleiben. Hightech- und Forschungsstandorte wie es sie in Deutschland bereits in Bayern, Berlin, Baden-Württemberg, Hessen, Nordrhein-Westfalen oder Rheinland-Pfalz gibt beziehungsweise geben soll, sind ein Schritt in die richtige Richtung – auch, dass auf Bundesebene endlich erkannt wurde, „dass zu lange zu wenig passiert ist“ im Bereich Technologie.

Das formulierte der ehemlige Bundeskanzler Olaf Scholz bei seiner Rede zum Digital-Gipfel 2024 ebenso wie das Ziel, dass Deutschland bei Zukunftstechnologien und Innovationen „ganz vorn mitspielen“ solle, etwa bei KI, Quantencomputing oder Virtual Reality. Um dies zu unterstützen, wolle man etwa private Investitionen weiter steuerlich fördern, die Umsetzung der europäischen Kapitalmarktunion vorantreiben, um mehr privates Kapital nach Europa zu holen, Kompetenzen in Schlüsseltechnologien bündeln oder eine führende Position bei Netzwerktechnologien einnehmen.

Doch nicht nur die Politik ist gefragt, um Deutschland und die EU zu einem Innovationsstandort zu machen. Auch die Wirtschaft ist dazu aufgerufen. Als ERGO versuchen wir unseren Beitrag zu einem solchen fruchtbaren Ökosystem zu leisten, indem wir selbst in vielversprechende deutsche und europäische Start-ups investieren, etwa über den „ERGO CVC Fund“, den „Earlybird Venture Capital Fund“ oder den „Heal Capital Fund“.

Mit der Gründung des Accelerators „ERGO ScaleHub“ im Juni dieses Jahres haben wir zudem unser Engagement für Scale-ups intensiviert, also in reifere Start-ups. Gemeinsam mit der Landeshauptstadt Düsseldorf und dem Community SpaceTechHub.K67 sollen gezielt Scale-ups aus den Bereichen Gesundheit, Finanzen sowie Versicherungen am Hauptsitz in Düsseldorf unterstützt werden. Den Scale-ups stehen hierfür zahlreiche Services zur Verfügung, die vom Zugang zu nationalen und internationalen Experten-, Business- oder Investoren-Netzwerken über die Kontaktvermittlung für Visa bis hin zu Räumlichkeiten zum Arbeiten reichen.

Darüber hinaus kooperiert ERGO bereits seit Jahren mit zahlreichen deutschen sowie internationalen Start- und Scale-ups. Durch Partnerschaften mit großen Versicherungskonzernen erhalten sie neben fachlicher Expertise und Ressourcen unter anderem Zugang zu einem breiten Kundenstamm und bereits erfolgreich etablierten Vertriebsnetzen. Die Jungunternehmen können damit ihre Geschäftsmodelle schneller skalieren und mit ihren Produkten oder Dienstleistungen expandieren. Außerdem erhalten sie durch solche Kooperationen langfristige Stabilität und Sicherheit sowie den Kontakt zu weiteren möglichen Partnern und Investoren.

Ich kann uns als Versicherungsbranche und darüber hinaus nur dazu ermutigen, Innovationen in Deutschland und Europa aktiv zu fördern. Denn wir haben die Talente, Technologien und Tatkraft, die es dazu braucht. Wir können und sollten echte Innovationen vorantreiben und zur Anwendung bringen, um Deutschland und Europa als starken, souveränen und selbstbewussten Partner auf Augenhöhe zu positionieren. Jedes einzelne Engagement hilft dabei, diesem gemeinsamen Ziel näher zu kommen. Auch die beiden Stanford-Absolventen William Hewlett und David Packard haben 1939 klein angefangen mit ihrem späteren Weltkonzern „HP“. Sie erhielten 500 Dollar Startkapital – von Frederick Terman.

Hinweis: Dieser Beitrag ist zuerst beim Versicherungsmonitor erschienen.


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Autor: Mark Klein, CDO ERGO Group

Mark Klein ist seit 2016 der Chief Digital Officer von ERGO. Zuvor war er bei T-Mobile Netherlands. Seine Hauptaufgabe bei ERGO ist die digitale Transformation des traditionellen Geschäfts im In- und Ausland. Zudem etabliert er neue, digitale Geschäftsmodelle.

Mark Klein – Chief Digital Officer – ERGO Group

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